Wie finde ich geeignete Betreuungskräfte für mein behindertes Kind?

Verhinderungspflege, Entlastungsbetrag & Babysitter:
Wie finde ich geeignete Betreuungskräfte für mein behindertes Kind?

Wer ein behindertes Kind oder einen erwachsenen pflegebedürftigen Angehörigen hat, braucht auch mal Pause. Gut, dass es ab dem Pflegegrad 2 die stundenweise Verhinderungspflege gibt, mit der wir Babysitter bezahlen oder eine „Nachmittags-Assistenz“ finanzieren können. Ich persönlich finde nämlich, dass spätestens ab dem 10. Lebensjahr der Begriff „Babysitter“ irgendwie nicht mehr angemessen ist, oder?

Bis zu 2418 € pro Jahr können wir (zumindest 2021 noch – siehe Fußnote) an Betreuungskräfte auszahlen, wenn wir uns erholen, einem Hobby nachgehen oder einfach mal allein zum Frisör, zum Arzt oder zum Einkauf gehen möchten!  Zusätzlich können wir 125,00 € pro Monat für Entlastungsleistungen durch einen anerkannten Dienst investieren. „Alles ist schön und gut!“  sagen mir meine Klientinnen immer wieder „Aber WO finden wir zuverlässige Betreuungskräfte?“. Dieser Frage sind wir in unserer „Special-Needs-Moms-Gruppe“ nachgegangen. In dieser „Master-Mind für Mütter mit besonderen Herausforderungen“ treffen wir uns einmal im Monat online um uns gegenseitig zu unterstützen, Ideen auszutauschen und Lösungen zu finden.

Lieben Dank also an Conny, Lisa, Angela und Vanessa für das Brainstorming, wo man alles Betreuungskräfte suchen – und finden – kann! Ein Dutzend Ideen haben wir gesammelt und wir hoffen, dass für jede(n) von Euch ein spannender Impuls dabei ist. Ich persönlich habe ja die besten Erfahrungen mit Tipp 5. Ganz unten findet ihr noch einen Hinweis zur Unfallversicherung. Aber genug der Vorrede! Los geht’s:

1. Familie

Natürlich ist der persönliche Familienkreis ein guter Ort um Unterstützung zu suchen.

Nahe Angehörige und Mitbewohner

Die meisten denken zuerst an die Großeltern des betroffenen Kindes. Auch erwachsene Geschwister oder der nicht-verwandt Partner der Kindes-Mutter, der mit in der Wohnung lebt, kämen in Betracht.

Diese Personen dürfen Geld aus der Verhinderungspflege bekommen, allerdings nur einen Teil des Gesamtbudgets. Wie hoch dieser Teil ist? Das habe ich mal für Euch ausgerechnet:

Bis 30.06.2021Ab 01.07.2021
Monatliches PflegegeldJährliches Budget für Angehörige bis zum 2. Grad und MitbewohnerMonatliches PflegegeldJährliches Budget für Angehörige
bis zum 2. Grad und Mitbewohner
Pflegegrad 2316 €474,00 €332 €498 €
Pflegegrad 3545 €817,50 €572 €858 €
Pflegegrad 4728 €1.092,00 €764 €1.146 €
Pflegegrad 5901 €1.351,50 €946 €1.419 €


Zusätzlich könnt ihr diesen Personen auch noch nachgewiesenen Lohnausfall UND entstandene Fahrtkosten zahlen und Euch das von der Kasse erstatten lassen, bis die 2418 € ausgeschöpft sind, oder weitere Betreuungskräfte, die nicht eng verwandt sind engagieren.

Entfernte Angehörige

Schon die Tante oder der Onkel des Kindes gilt in diesem Sinne nicht als eng verwandt – dürfte also das Budget voll ausschöpfen. Eine tolle Möglichkeit sind auch ältere Cousins und Cousinen und in manchen Familien übernehmen fitte Urgroßeltern die Verhinderungspflege. Hier gilt es wirklich die ganze Familie mal in Blick zu nehmen.

2. NachbarInnen und FreundInnen

Nachbarschaftshilfe und Freundschaftsdienste gehört auch zu den Dingen, an die der Gesetzgeber bei der Idee der VHP gedacht hat. Also vielleicht gibt es im Umkreis Menschen, die Anteil an der Familiengeschichte nehmen und sich über eine Aufwandsentschädigung für die Betreuung freuen? Denkt auch an die älteren Söhne und Töchter Eurer Nachbarn und Freunde – vielleicht ist hier jemand dabei, der Lust hat das beeinträchtigte Kind zu betreuen? 

3. Peer-Group / SHG / Geschwisterkinder anderer Familien

Wir alle suchen VHP-Kräfte. Wer wäre besser in der Lage Dein Kind zu betreuen, als die sympathische Mutter oder der nette Vater aus Deiner Selbsthilfegruppe, die sich ja perfekt mit dieser Beeinträchtigung auskennen? Es lohnt sich auch mal herumzufragen, ob ältere Geschwisterkinder anderer Familien Lust aufs Babysitten haben. Viele möchten ihre eigene Schwester oder ihren eigenen Bruder mit Behinderung nicht auch noch „babysitten“ – haben aber Lust in anderen Familien bei der Betreuung auszuhelfen und sich so ein Taschengeld dazu zu verdienen. Das Thema „Berührungsängste“ ist damit meist erledigt.

4. Praktikanten / Kindergarten / Schule / Aushang

In welche Einrichtung geht Dein Kind? Sicherlich gibt es dort einen hohen Durchlauf an Praktikantinnen und Praktikanten. Einige Einrichtungen unterstützen Eltern, indem sie bereit sind ehemalige Praktikantinnen, die gut mit dem Kind umgehen konnten, als Babysitter zu empfehlen. Manchmal bleibt auch eine ehemalige Gruppenleiterin mit dem Kind in Verbindung und bietet sich als Babysitter an, wenn das Kind in die Schule oder eine andere Einrichtung wechselt. Aber auch die gute alte Pinnwand dürfte nach der Pandemie wieder eine gute Möglichkeit sein nach Babysittern zu suchen.

5. HEP /  Berufliches Gymnasium / Uni

Wer sich an eine Schule für Heilerziehungspfleger anmeldet, im Beruflichen Gymnasium das Abitur im Fachbereich Gesundheit anstrebt oder an der Uni Sozialpädagogik, Sonderpädagogik oder ähnliche studiert hat per se Freude am Umgang mit (besonderen) Menschen. Neben der ganzen Theorie ist der Einsatz in einer Familie als Betreuungskraft oft eine Wohltat und ein tolles Übungs- und Lernfeld für diese jungen Leute. Der Vorteil: Sie können hier das Gelernte anwenden und in der Ausbildung auch ihre Erfahrungen in und mit unseren Familien reflektieren. Einfach mal im Sekretariat fragen, ob ihr einen Aushang machen dürft oder ob die Lehrkräfte jemanden empfehlen können.

6. Babysitterkurse / Babysitterbörsen

In fast jeder Stadt gibt es Babysitterkurse. Meist werden diese von den Volkshochschulen oder vom Deutschen Roten Kreuz angeboten, manchmal auch von Elternschulen oder Elternbildungsstätten. Das Gute: Die Kursteilnehmerinnen sind motiviert und freuen sich auf den Einsatz. Der Nachteil: Beeinträchtigungen und Behinderungen werden in diesen Kursen nicht thematisiert. Aber gerade bei jüngeren Kindern, die keinen besonderen Pflegeaufwand haben, sondern einfach etwas jünger wirken als sie eigentlich sind, ist ein „ganz normaler Babysitter“ auch ein Stück Normalität für die Familien.

7. Ehemalige / Nicht benötigte Mitarbeiterinnen und Ehrenamtliche von …

Manchmal gibt es großartige Menschen, die sich im Kinderhospiz, einer Kurzzeitpflegeeinrichtung, bei Wellcome, im Besuchsdienst der Gemeinde oder bei einer Stiftung engagiert haben oder sich dort engagieren wollten und dort nicht mehr tätig sind oder doch nicht gebraucht wurden. Vielleicht passten die Zeiten nicht oder die Einsatzstelle und der Mensch passten nicht zusammen. Manchmal sind auch einfach die Gelder ausgegangen – oder aufgrund der Pandemie konnten die Angebote nicht stattfinden. Vielleicht ist auch ein Mitarbeiter der Einrichtung, Stiftung, Schule in Elternzeit gegangen. Es lohnt sich in den Einrichtungen der Umgebung und bei mildtätigen Vereinen und sozialen Organisationen mal anzufragen, ob man einen Aushang machen darf oder ob die Gruppenleiter Menschen kennen, die gerade in dieser Einrichtung nicht benötigt werden und die vielleicht noch Kapazitäten für ein Engagement bei der Betreuung Eures Kindes hätten.

8. Social Media, Messenger, Ebay

Facebook, Instagramm, Whats-App-Themengruppen: Das Internet ist der Marktplatz von heute. Warum nicht auch dort suchen? Entweder in den lokalen Gruppen Eurer Stadt oder in den Gruppen zur Behinderung (dann mit Angabe von Stadt, Region oder Postleitzahl). Auch ein Post in Euren jeweiligen Profilen, dass ihr gerade Betreuungskräfte sucht kann erfolgreich sein. Einige Eltern sind auch schon bei Ebay fündig geworden.

9. Internet-Börsen

Apropos Internet: Natürlich gibt es auch eine Vielzahl von Babysitter-Börsen im Internet. Besonders erwähnt sei hier https://bagiri.com/ – ein recht neuer Dienst, der sich speziell die Vermittlung von Betreuung für behinderte Menschen auf die Fahne geschrieben hat. Weiterhin gibt es eine Vielzahl von Assistenz-Börsen. Hier einfach nach „Pflegeassistenz“, „Assistenz Persönliches Budget“ oder „Persönliche Assistenz“ googlen – und schauen ob eine der Börsen in Frage kommt.

10. Stiftungen

In vielen Städten gibt es Stiftungen und Förderkreise, die sich um Kinder oder Erwachsene mit Behinderung kümmern. Auch hier kann man mal anfragen, ob es bereits eine Vermittlung von Babysittern, Assistenten oder Betreuern gibt bzw. Anregen diese einzurichten.

11. Lokale Anschlagbretter und Zeitungsannoncen

Manchmal kann es so simpel sein: Der gute alte Aushang mit Telefonnummer zum Abreißen hat auch schon so mancher Familie eine tolle Betreuung beschert. Und wieso nicht im lokalen Anzeigen-Blättchen mal eine Anzeige schalten?

12. FUD / FED: Lebenshilfe & Co

Falls wirklich keine private Kraft zu finden ist oder die Betreuungskraft besondere pflegerische Kompetenzen mitbringen muss, so kann die VHP natürlich auch eingesetzt werden um eine Betreuungskraft über einen anerkannten Dienst zu buchen. Je nach Region nennen sich die Träger dieser Dienstleistung „Familien-Unterstützender-Dienst“ oder „Familien-Entlastender-Dienst“. Anbieter sind die Lebenshilfen des Ortes und vergleichbare „Träger der Behindertenhilfe“. Aber auch manche Landfrauenvereine, Nachbarschaftshilfe-Organisationen, Oma-Opa-Hilfsdienste oder ähnliche Organisationen und natürlich die Kinderpflegedienste bieten Betreuung und Hilfe im Haushalt an.

Der Vorteil: Diese Dienste können auch die Entlastungsleistungen abrechnen. Also die 125,00 € pro Monat. Und: Sie rechnen direkt mit den Kassen ab. Das spart Mühe.

Der Nachteil: Für eine Betreuungsstunde muss man schon zwischen 15,00 € und 45,00 € in die Hand nehmen.  Je nachdem, ob es sich um eine ehrenamtliche, eine angestellte oder gar eine Fachkraft handeln. Denn hier muss natürlich auch die ganze Verwaltung mitfinanziert werden, die Gelder werden versteuert und die Kräfte müssen versichert werden.

Apropos Versicherung

Eure privaten Verhinderungspflegekräfte sind auch versichert! Und zwar über die Unfallversicherung des Bundes. Falls sie also einen „Unfall im Dienst“ haben, seid so nett und weist sie darauf hin, dass ihnen die umfangreicheren Leistungen der Unfallversicherung zustehen und nicht nur die Leistungen der Krankenkasse. (Falls Dich das genauer interessiert: In der Special-Needs-Academy biete ich hierzu regelmäßig Seminare in Kooperation mit einer Sozialversicherungsfachangestellten an. Link)

Wow … ein Dutzend Möglichkeiten sind zusammengekommen! Und ich wette, wir haben noch etwas vergessen, oder? Gute VHP-Kräfte sind Gold wert! Und oft gehen sie eine langjährige und intensive Bindung mit dem behinderten Kind ein. Lasst sie uns feiern!

An dieser Stelle einen ganz lieben Dank an Imke, Kim, Laura B und Laura H., Hilde und Manfred, Miriam und Jonathan und all die lieben Menschen, die uns persönlich entlasten, Finja vielfältige Anregungen und freundschaftliche Zuwendung schenken. Ihr seid großartig!

Schreibt mir in die Kommentare: Wo hast Du Deine Betreuungskräfte gefunden? Was liebt Dein Kind an seinem Babysitter? Und wofür schätzt Du Deine liebste VHP-Kraft am meisten? Ich bin neugierig auf Eure Kommentare.

Allen, die gerade nicht genügend Betreuungskräfte haben, wünsche ich viel Glück bei der Suche! Schreibt mir doch in die Kommentare, welche Wege ihr schon gegangen seid und welche Schwierigkeiten ihr bei der Suche nach geeigneten Kräften habt – und vielleicht auch welcher unserer 12 Tipps für Dich am hilfreichsten scheint.

Ich freue mich darauf von Euch allen zu lesen!
Eure
Marion Mahnke

Weitere Blogartikel zum Thema Verhinderungspflege:


Fußnote: eine Gesetzesänderung steht 2022 ins Haus. Möglicherweise wird der Betrag für die frei verfügbare Verhinderungspflege dann auf 1320 € gekürzt ODER auf 3300 € erweitert – je nachdem welche Partei sich bei den Wahlen durchsetzt …

PS. Du möchtest keinen meiner nächsten Blogartikel verpassen? Trage dich hier in meinen Newsletter ein!

One thought on “Wie finde ich geeignete Betreuungskräfte für mein behindertes Kind?

  • 12. Mai 2021 um 17:55
    Permalink

    Ich habe mal über die Agentur für Arbeit gesucht. Gemeldet hat sich unter anderem eine tolle Frau, die nur 3 Häuser weiter wohnte (bis dahin sind wir uns nie begegnet) und für die haben wir uns dann auch entschieden.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.