Schätze der Umgebung

Schätze der Umgebung

Ein inklusives Familien-Abenteuer

Die Interessen und Leistungsfähigkeit meiner Kinder gehen sehr auseinander! Meine Tochter mit Down-Syndrom ist körperlich und geistig eingeschränkt. Gemeinsame Spiele gehen nicht, weil sie geistig noch im Krippenalter ist, große Parks sind oft anstrengend, weil die Geschwisterkinder Action möchten – Finja aber eher ruhige Aktivitäten schätzt und vieles nicht mitmachen kann, selbst im Schwimmbad benötigt Finja ständige 1:1-Betreuung.

Wie kann man nun allen Kindern gerecht werden? Der jüngere Bruder will Toben und Abenteuer erleben. Und die große Schwester möchte etwas mit der ganzen Familie machen, fotografieren und neue Dinge entdecken, Finja braucht Aktivitäten für 1-2jährige, viel Zeit um sich auf Neues einzulassen und regelmäßige Rückzugsmöglichkeiten. Wir Eltern wollen Ruhe, Entspannung und eine Abwechslung von den eigenen 4 Wänden.

Über dieses Problem in Bezug auf Urlaub hatte ich vor einigen Jahren schon gebloggt. Damals sind wir mit dem Planwagen durch Ungarn gereist. Eine sehr, sehr coole Sache.

Aber wie geht das im Alltag? In den Ferien? Wie können diese unterschiedlichen Bedürfnisse nach Sicherheit und Klarheit auf der einen Seite und Freiheit, Abenteuer und neuen Eindrücken auf der anderen Seite unter einen Hut gebracht werden? Wie kann Familien-Freizeit inklusiv gestaltet werden, wenn die Interessen und Fähigkeiten weit auseinander gehen?

Während der Pandemie hat unsere Familie eine Lösung entwickelt, die allen gerecht wird. die wir „Schätze der Umgebung“ getauft haben.

VORBEREITUNGEN UND REGULARIEN

Eigentlich handelt es sich bei „Schätze der Umgebung“ um eine modifizierte „Fahrt ins Blaue“. Also eine „Ausflugsfahrt mit unbekanntem Ziel“:

Man braucht:

  • ein Auto (Variante: Fahrräder oder Tagestickets für Öffis)
  • eine gut gefüllte Picknicktasche
  • etwas Kleingeld für Fundstücke
  • 1-2 alte Bücher
  • und idealerweise gute Laune.

Letzteres ist nicht unbedingt notwendig – die kommt schon während der Fahrt.

Also: Alle ins Auto und los geht’s. An der ersten Kreuzung darf eines der Kinder schon ansagen; wo es langgeht: Rechts, Links, Geradeaus? Und so geht es weiter, bis wir ein braunes Schild sehen, auf dem eine Sehenswürdigkeit angezeigt wird. Dem Schild folgen wir dann und steigen an der jeweiligen Sehenswürdigkeit aus und erkunden diese.

Oft sind es nur kleine Sehenswürdigkeiten am Wegesrand: Eine Windmühle, ein Hügelgrab, eine Aalräucherei. Manchmal auch kleine Museen, eine Wassermühle oder ein See, den wir noch nicht kannten.

Manchmal führen die Ansagen der Kinder auch in eigene Abenteuer: Die Wege werden immer ländlicher, schmaler, verwunschener. So landeten wir einmal inmitten einer riesigen Ackerfläche in deren Mitte ein archaisches Hügelgrab umgeben von einem kleinen Wäldchen lag. Allein das Wenden auf dem schmalen Weg war ein Abenteuer für sich …

Generell sollen Autobahnen gemieden werden. Kleine Straßen führen durch spannende Dörfer und bieten oft ein Urlaubsfeeling, keine 12 km von zu Hause wie wir es sonst nur von Schweden oder Ungarn kannten.

Die Kinder dürfen jeweils abwechselnd entscheiden – man kann aber auch einen Würfel nehmen. 1,2 bedeutet dann links, 3+4 geradeaus und 5+6 rechts. So entdeckt man Ecken der eigenen Umgebung, die man bislang nicht kannte.

Aber auch im Urlaub nutzen wir „Schätze der Umgebung“ gern um den Urlaubsort kennenzulernen oder einfach ein zufälliges Abenteuer zu erleben

Das Wichtigste aber, ist die Regel, dass nicht diskutiert wird, wenn jemand einen Schatz entdeckt, sondern dass wir auf jeden Fall anhalten und allen die Chance geben sich umzuschauen. Manchmal möchte Finja lieber im Auto bleiben – das ist auch okay. Aber jeder Schatz wird erstmal wertgeschätzt.

WÜNSCHE ANS UNIVERSUM

Unterwegs steigen wir also immer mal wieder an Sehenswürdigkeiten aus. Und wenn es da schön ist, wird die Picknick-Tasche geplündert und manchmal sogar ein Kartenspiel gezockt. Aber manchmal wollen wir auch „Kuchen!“ oder „Eis!“. Dann lautet der magische Satz: „Ich wünschte wir fänden eine Eisdiele!“. Und spannenderweise taucht dann tatsächlich oft eine Eisdiele am Wegesrand auf. Einmal stand 500 Meter nachdem der Wunsch ausgesprochen wurde ein Jahrmarkts-Eiswagen-Stand an einer Kreuzung! Ein anderes Mal fanden wir tatsächlich einen Fisch-Imbiss nachdem ich (ohne zu glauben, dass es wahr werden könnte!) gescherzt hatte: „Ich hätte jetzt gern einen Fisch!“.

Aber auch Parkplätze, Toiletten oder einen schönen Platz zum Spazierengehen haben wir uns schon gewünscht … und echt oft auch gefunden!

SCHÄTZE DER UMGEBUNG

Was können jetzt diese Schätze sein? Zum einen natürlich der hausgemachte Kuchen im Bauerncafé am Wegesrand, dass wir ohne diese Fahrt ins Blaue nie gefunden hätten. Aber manchmal auch Skurriles: Da war dieses Bushäuschen, das bis an den Rand mit Büchern, Vasen und anderem Zeug aus einer Haushaltsauflösung gefüllt war. Oder den „Bücher-Schrank“ vor einer Kirche. Solche Tausch- und Spendenstände haben wir öfters gefunden. Und natürlich entdecken immer wieder kleine Hofläden oder einfach einen Stand mit „Eiern und Marmelade“ am Straßenrand. Und dafür brauchts dann Kleingeld für die Spendendose oder das mitgebrachte Tausch-Buch.

Einige Schätze kann man also mitnehmen oder aufessen.

Aber wir haben auch schon tolle Ausblicke, verwunschene Seen, ein historisches Gebäude oder spannende Sehenswürdigkeiten zum Schatz erklärt. Oder einen besonders gewachsenen Baum, ein Kunstwerk am Wegesrand oder einen Mini-Golf-Platz über den wir unterwegs gestolpert sind.

WIESO SCHÄTZE DER UMGEBUNG?

Das Spannende daran ist: Oftmals sind diese Schätze gar nicht weit weg von zu Hause. Aber weil man zu Hause ja selten ziellos weitab der großen Straßen unterwegs ist, kennt man sie nicht: Der Künstler, der in einem Wäldchen seine Natur-Kunst-Werke auf einem „Kunstpfad“ rund um sein kleines Hexenhäuschen mit Kater ausstellt und nur einen Euro Spende erbittet. Der Hof mit den Wasserbüffeln. Der Waldspielplatz eine Ortschaft weiter. Die alternative Kommune mit kreativen Statuen rund um den Hof. Das malerische Dorf, durch das man jenseits der Autobahn auf dem Weg in die nächste Stadt fährt. Und diese wunderhübsche, restaurierte Hochzeits-Mühle – keine 2 Minuten von der Bundesstraße entfernt; auf der wir täglich fahren und die wir nie gesehen hatten!

Zu Hause sind wir meist mit einem Ziel auf dem schnellsten Weg unterwegs. Auf den Straßen, die das Navigationssystem eben als zielführend ausweist. Wir nehmen uns doch so gut wie nie die Zeit, die Gegend so zu erkunden, wie Touristen es tun. Wie oft staunen Vermieter von Ferienwohnungen, was ihre Gäste so alles erleben! Klar – es ist einfach ein anderes Mindset. Die Fahrt zur Arbeit, zur Therapie, zum Kindergarten dient einem Zweck. Und wir sind während der Fahrt schon damit beschäftigt den Einkauf zu planen oder unsere innere ToDo-Liste abzuhaken.  

Wenn wir zu einer „Schätze der Umgebung“-Tour aufbrechen, dann sind wir „im Urlaub“. Vor der eigenen Haustür. Das Gute daran: Wir können jederzeit das Navi einschalten und in kürzester Zeit wieder zu Hause sein sobald wir genug haben.

Es ist also das Urlaubs-Feeling, das uns große Freude macht. Aber auch und gerade das Gefühl von Selbstbestimmung ist in unserer Famillie, die doch sehr durch die Behinderung geprägt wird, sehr wichtig.

Unterwegs zu sein. Aus der Wohnung rauszukommen. Ohne Zweck einfachmal wieder „nach Lust und Laune“ und aus dem Moment heraus Entscheidungen zu treffen, was wir jetzt tun WOLLEN. Dazu haben die Kinder die Möglichkeit bei diesen Fahrten ihre eigenen Interessen einzubringen, etwas zum Schatz zu erklären oder sich Dinge zu wünschen, die oft auch in Erfüllung gehen – weil wir gerade Zeit und Aufmerksamkeit darauf richten können ein Café oder einen Spielplatz zu finden.

Als Resilienz-Coach ist mir natürlich bewusst, dass diese Touren einfach die Familienresilienz stärken. Weil sie eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit möglich machen, die Beziehungen untereinander stärken, wir erfahren was den anderen Familienmitgliedern wichtig ist und auch Raum für Gespräche im Auto finden, den wir uns im Alltag seltener nehmen.

VARIANTEN

Man kann „Schätze der Umgebung“ natürlich  variieren:

Wer Wikingerschach, Federball oder ein Gummitwist mitnimmt hält Ausschau nach Plätzen zum Spielen. Oder mit Hängematte und Pop-Up-Zelt zum „Camping für einen Tag“ in einer neuen Umgebung.

Mit Badezeug im Gepäck können wir einen Fluss als Orientierung nehmen und diesem folgen bis ein Sehenswürdigkeits-Schild kommt oder ein spannender Wanderparkplatz zum Aussteigen und Baden einlädt oder wir fahren in eine Region mit Badeseen die wir noch nicht erkundet haben und lassen den Zufall entscheiden.

Familien, die ökologischer unterwegs sein möchten und bei denen alle Familienmitglieder auf dem Rad oder im Anhänger dabei sein können, können das Konzept selbstverständlich für Fahrradtouren abwandeln.

Wer gern mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist kann mit einem Tagesticket zufällig reisen und ein Kind -oder der Würfel – bestimmt an der wievielten Haltestelle man aussteigt um sich dort vom Zufall leiten zu lassen was es für Schätze an dieser Haltestelle gibt oder in welches Verkehrsmittel man wieder einsteigt. Das bietet sich auch an, wenn man eine Stadt erkunden möchte. Egal ob Tagesausflug im Urlaub oder wenn es darum geht die Nachbarstadt in der wir sonst Alltagsgeschäfte erledigen mal aus touristischer Perspektive zu entdecken.

Manchmal nehmen wir auch eine benachbarte Region und fahren erstmal per Navi dorthin um dort dann auf das Zufallsprinzip zu wechseln. „Schätze Ostfrieslands“ oder „Schätze von Butjadingen“ können solche Touren bei uns heißen.  

Auch eine „Straße der …“ bietet sich als Richtschnur für die „Schatzsuche“ an. Bei uns ist es die Straße der Megalithkultur, der wir folgen bis wir ein Sehenswürdigkeits- oder Ausflugsziel oder einen anderen Schatz entdecken. Bei Dir könnte es die Deutsche Märchen- oder Weinstraße sein … Es ist spannend zu entdecken wo die Straßen, die durch unseren Ort führen eigentlich anfangen oder Enden …

KRITIK

Was ist mit dem schlechten Gewissen? Ja – zweckfrei Auto zu fahren produziert Emissionen. Diese Methode der Freizeitgestaltung hinterlässt einen ökologischen Fußabdruck. Auf der anderen Seite ist das bei jeder Freizeitaktivität in irgendeiner Weise der Fall.

Durch die Behinderung unserer Tochter gibt es wenige Dinge, die wir gemeinsam machen können und die alle Familienmitglieder mit unterschiedlichsten Bedürfnissen, Fähigkeiten und Wünschen verbinden kann. Dieses gemeinsame Hobby ermöglicht es Finja dabei zu sein. Wir können glutenfreies Essen mitnehmen und so in jedes Lokal einkehren oder bequem picknicken. Wir können den Geschwisterkindern gerecht werden ohne Finja fremdbetreuen zu müssen. Das Auto als sicherer und bekannter Rückzugsort ermöglicht es unserer behinderten Tochter so viel Abenteuer mitzumachen wie sie mag – und im Auto zu schlafen oder zu spielen, wenn es ihr zu viel wird.

Ich blogge hier nicht für normale Familien, sondern über den Familien-Alltag mit einem behinderten Kind und der Herausforderung allen gerecht zu werden. Für Familien, die oft in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt sind und manchmal wenig Möglichkeit haben weitere Reisen zu machen.

Das eigene Umfeld besser kennenzulernen und so Erholungs-Möglichkeiten und Freizeit-Aktiviäten vor der Haustür zu entdecken kann für alle entlastend sein – und vielleicht sogar dazu führen, dass man künftig auch die emissionsärmeren Freizeitaktivitäten vor der Tür besser kennt und vorzieht.

Insofern: JA – im Hinblick auf unsere ökologische Verantwortung gilt es abzuwägen. Und da dürfen wir die positive Wirkung auf die eigene Psyche, unsere eh schon begrenzten Möglichkeiten und die Verbesserung des Familienzusammenhalts durchaus berücksichtigen. Würden wir bei der Entscheidung für einen Ski- oder Strandurlaub ja auch tun.

Außerdem fördern wir durch den Kauf lokaler Eier, Marmelade und Besuche in kleinen Museen unserer Umgebung auch die Region, fördern die Nachhaltigkeit durch das Tauschen von Büchern und entdecken unsere Umgebung neben die Alltags-Straßen.

Da eine Fahrrad-Tour bei uns behinderungsbedingt einfach nicht möglich ist, haben wir uns also bewusst für „Auto-Wandern“ als Möglichkeit gemeinsamer und familien-inklusiver Freizeitgestaltung entschieden. Denn bei allen anderen Formen müsste Finja zu Hause bleiben.

10 TIPPS FÜR EURE SCHÄTZE DER UMGEBUNG-TOUR
  1. Wer „dran“ ist entscheidet, ob links, rechts, geradeaus – der Fahrer hält sich dran!
  2. Eine „Autofahr-Playlist“ zu erstellen ist eine verantwortungsvolle Aufgabe für ältere Kinder. Der Auftrag: Eine Liste erstellen mit Songs, die allen gefallen oder bei denen die verschiedenen Musik-Interessen gerecht vorkommen. Auch ein gemeinsames Kinder-Hörbuch kann während der Fahrt laufen und Gesprächsstoff schaffen.
  3. Wer einen „Schatz“ entdeckt – egal ob als Hinweis-Schild oder direkt am Weg- hat das Recht „Schatz!“ zu rufen und dann wird zunächst dieser Schatz erkundet. Auch wenn es dabei einfach Lämmer auf einer Weide sind oder der Sonnenuntergang an dieser Stelle besonders schön ist.
  4. Achtet darauf immer ausreichend Lebensmittel, Medis und Wechselklamotten für das Kind mit Beeinträchtigung und Getränke für alle dabei zu haben. Alles andere kann man zur Not improvisieren: Ist ja ein Abenteuer!
  5. Nützlich: Abbaubares Toilettenpapier dabei haben! Falls sich mal kein Klo findet ist es unschön Papiertaschentücher rumliegen zu lassen!
  6. Gerade bei jüngeren Kindern Bewegungsspiele mitnehmen.
  7. Manchmal hilft eine Zeitvorgabe das Ende zu definieren. Da es ja kein Ziel gibt kann es Unstimmigkeiten geben wann „Schluß“ ist. Hier lohnt es sich am Anfang zu vereinbaren, dass ab einer Bestimmten Uhrzeit das Navi wieder übernimmt und es dann nach Hause geht.
  8. Mit älteren Kindern ist eine „Schätze-der-Umgebung“-Gruppe in einem Messenger eine schöne Möglichkeit um Fotos auszutauschen und gemeinsame Erinnerungen  zu schaffen.
  9. Ein Logbuch in dem man seine Routen und Schätze einträgt schafft ebenfalls Familien-Erinnerungen – hilft aber auch den tollen Hof-Bäcker, die Boule-Anlage oder den Abenteuer-Spielzeug wieder zu finden.
  10. Genießt es! An diesem Tag darf jeder dabei sein und mitgestalten. Aber: Kein Druck! Es ist auch okay ein Buch mitzunehmen, eigene Musik über Kopfhörer zu hören oder zu daddeln. Niemand „muss“ jetzt aus dem Fenster schauen oder sich unterhalten. Wichtig ist das Zusammen-Unterwegs-Sein. Manche Schätze sind vielleicht nur für 1 oder 2 Familienmitglieder interessant. Dann dürfen die anderen sich im Auto beschäftigen oder den Picknick-Korb dezimieren, während die Schatzsucher 10 Minuten in Büchern stöbern oder eine ganze Weile brauchen um die perfekte Kamera-Einstellung für das süße Lämmchen zu finden. An diesem Tag gilt: Jeder darf sich einbringen – niemand muss es tun. Denn es geht ja gerade darum, dass jeder in seinen unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen wahr- und ernstgenommen wird und sich jederzeit beteiligen darf.

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