Willkommen in Tokio!

Willkommen in Tokio!

Dieses Geschichte schrieb ich für eine Mutter, die verzweifelt war. Ich weiss nicht mehr, ob die Grunddiagnose Autismus war, ob es sich um ein Kind mit Down-Syndrom handelte oder eines das hochsensibel war. Das ist im Prinzip aber auch egal, denn letztendlich ist es für Außenstehende in allen diesen Fällen nur schwer verständlich, welchen Schwierigkeiten Menschen ausgesetzt sind, die aus unterschiedlichsten Gründen Mühe mit dem Filtern und der Verarbeitung von Wahrnehmungen und Eindrücken haben. Deshalb möchte ich euch mit auf eine Reise nehmen:

Stell Dir vor, Du bist eine engagierte Mitarbeiterin eines großen Unternehmens. Du fliegst für ein Auslandsjahr nach Japan, weil deine Firma dich da hinschickt, um in der dortigen Zweigstelle zu arbeiten. Deine Familie kommt mit.

Morgens gehst du um 7 aus dem Haus. Du machst dich auf und bewältigst den Verkehr in Tokio. Gerüche, die du nicht einordnen kannst. Gebäude, die du nicht kennst. Fremde Geräusche. Und:  Stimmengewirr – einiges verstehst du, vieles nicht. Dein Gehirn verarbeitet im Hochleistungs-Modus. Irgendwie schafft dein Gehirn es das Wichtigste aus den vielen Eindrücken rauszufiltern und dich in die richtige Buslinie zu bringen. Die Haltestelle kennst du schon, aber du musst irre aufpassen, weil du die Namen der Haltestellen nicht verstehen kannst, sondern den Ausstieg anhand des komischen Denkmals in Sichtweite der Haltestelle identifizieren musst.

Nun versuchst du deinen Arbeitstag zu bewältigen. Deinen Job kennst du – aber die vielen geschriebenen und vor allem ungeschriebenen Höflichkeitsregeln sind eine Herausforderung. Du versuchst die richtigen Wege, die üblichen Methoden zu ergründen. Du bist unsicher, was man über dich denkt oder auch redet. In einem Meeting verstehst du nur die Hälfte, traust dich aber nicht zu fragen.

Immerhin bekommst du mit Hilfe einer Übersetzungs-Maschine im Internet raus, was im Protokoll der vorhergehenden Sitzung steht. Plötzlich ahnst du, warum seit 2 Wochen bestimmte Dinge schieflaufen: Du hattest schon in dem Online-Meeting zur Vorbereitung eine wichtige Vereinbarung nicht richtig begriffen und es ganz anders gemacht als verabredet! Jetzt halten Dich sicher alle für total merkwürdig!

Im Übrigen geht dir das mit den anderen ähnlich:  Das für Dich unverständliche Verhalten des Senior-Chefs wird von allen anderen ignoriert und scheint normal zu sein – erscheint Dir aber komisch. Und ob Dein jüngerer Kollege, der dich eigentlich bei der Einarbeitung unterstützen soll, sich Dir gegenüber korrekt benimmt kannst du nicht einschätzen. Falls er das nicht tut, wüsstest du auch gar nicht, ob und wie du ihn zurechtweisen darfst.

In der Kantine gibt es irgendwas Ekliges, das die anderen mit Genuss essen. Du überwindest deine Vorbehalte, nachdem deine Kollegin dich kritisch (oder mitleidig?) mustert und stellst fest, dass es essbar zu sein scheint.

Am Nachmittag bekommst du Kopfweh. Am liebsten möchtest du ein Fenster öffnen, aber der Straßenlärm würde es noch schlimmer machen. Abgesehen davon hat dir keiner erklärt ob und wie man diese Fenster öffnen kann. Dein Computer-Programm ist dem in Deutschland zwar ähnlich, aber irgendwie auch nicht. Am liebsten möchtest du den Laptop gegen die Wand Schmeißen – aber du weißt, dass das vermutlich nicht so gut ankäme. Also beschränkst du dich darauf voller Wut auf die Tischplatte zu hauen und gaanz kontrolliert die Broschüre vom „German-Speaking-Ladies-Club“ in den Mülleimer zu pfeffern.

Deine Sekretärin kommt rein textet dich zu. Du bittest sie wiederholt laaaangsaaam zu sprechen. Sie nickt eifrig, spricht ein langsames Wort und rattert dann weiter wie ein D-Zug. Zwischendrin schiebt sie dir Papiere zu und bedeutet dir unter heftigem Nicken, dass du DAAA unterschreiben sollst! Und da ist auch noch irgendwas mit einem Stempel … was für ein Stempel??

Kurz darauf steht ein Kunde in deinem Büro. Du ahnst, dass er mit dir über ein Problem reden will und holst deine besten japanischen Manieren raus. Du verzichtest auf Englisch und versuchst das Gespräch in japanischer Sprache zu führen. Immerhin galten Deine Sprachkenntnisse zu Hause und an der Uni als “exzellent“. Er scheint zufrieden zu sein und geht wieder, aber an der Aufregung deiner Sekretärin erkennst du, dass irgendwas außergewöhnlich gut oder mies gelaufen sein muss. Aber was …?? Sie lächelt jedoch nur, als Du fragst, ob alles okay ist. „Alles gut!“ sagt sie – aber was das bedeutet kannst Du nicht einordnen. Ist wirklich „alles gut“? Oder hast du gerade schon wieder Mist gebaut ohne es zu merken?

Deine Kopfschmerzen wabern im Hintergrund als du deinen Mantel anziehst und im Lift deinem obersten Chef begegnest. Du nimmst dich noch mal richtig zusammen und versuchst höflich zu sein und dich richtig zu benehmen.

Im Foyer begegnest Du deinem Kollegen, der zur Frau am Empfang irgendwas sagt. Dein Name fällt und du verstehst den Satz – aber wieder mal  bist Du nicht sicher, wie das Gesagte denn nun gemeint ist. Wirst du gerade gemobbt? Oder ist es nur ein netter Hinweis, dass Du die Neue bist? Oder ein kollegialer Scherz?? Du versuchst die Fassung zu bewahren, machst es Deiner Sekretärin nach und setzt dieses undurchschaubare stoische Lächeln auf. Eigentlich willst du nur noch nach Hause und du freust dich irre auf die Pfannekuchen, die dein Mann dir für heute Abend versprochen hat. Du denkst kurz über ein Taxi nach, aber das wäre zu teuer. Also wieder in den Bus. Geräusche. Lichter. Mist- das Denkmal! Du bist zu weit gefahren! Genervt konsultierst Du deine App und findest irgendwie heraus, wie du von hier aus nach Hause kommst.

Als die Haustür hinter dir zufällt, lässt du deine Tasche fallen und sinkst aufs Sofa. Dein Mann stolpert über die Tasche und mault dich an, ob DAS denn jetzt wirklich sein müsse, er habe doch den halben Tag Kisten ausgepackt,  aufgeräumt und gekocht. Genervt antwortest du irgendwas Patziges und ziehst dir die Decke über den Kopf. Du kannst einfach nicht mehr. Du willst einfach nicht mehr!

Dein Mann lenkt ein und betont, er habe dich dich lieb. Er habe extra für dich heute 3 Stunden in der Küche gestanden. “Für Pfannkuchen?“ fragst du überrascht. Nein – er habe dir ein typisch japanisches Essen gezaubert. Dir ist zum Heulen. Tapfer versuchst du Freude zu heucheln, aber er spürt das und fragt genervt, was denn nun schon wieder los sei. Dir wird alles zu viel. Du brüllst ihn an. Den Mann, der geputzt und gekocht hat und der sich auf einen schönen Abend mit dir gefreut hat.

Du bist plötzlich unfassbar sauer. Auf Japan, auf die Kopfschmerzen, auf den Kollegen, die Sektetärin, den Computer und den Scheiss-Sake, der jetzt auf dem Tisch steht.

Und dann wieder dieses undefinierbare Essen! Du WOLLTEST Pfannkuchen. Dein Mann hat dir Pfannkuchen VERSPROCHEN. FUCK! FUCK! FUCK! Du nimmst den Sake und schmeißt ihn voller Wucht an die Wand. Das tut gut.

Dein Mann ist fassungslos. “Wieso heulst du?“ will er wissen. “Keine Ahnung!!“ brüllst du zurück.

Er hat dir Pfannkuchen versprochen. Vertraute, deutsche Pfannkuchen. Dein Rettungsanker nach diesen Scheiß-Tag. Und die sind jetzt nicht da. Und er ist Schuld. Mit seiner verdammten Phantasie.

Du heulst und schreist und willst nur noch nach Hause.

“Hey!“ sagt er. Und nimmt dich in den Arm. Und dann hält er dich, während deine Fäuste gegen seine Brust trommeln und sieht staunend zu … “Ich hab keinen Schimmer, was los ist“ sagt er “aber ich bin da. Und ich liebe dich“.

Und dann ist es vorbei. Du lässt los, bist unendlich müde und sinkst aufs Sofa.

Dass der Duft von Pfannkuchen 20 Minuten später aus deiner Küche dringt, bekommst du schon nicht mehr mit.

Aber als am nächsten Morgen zum Frühstück kalte Pfannkuchen mit dem letzten Rest von eurem deutschen Nutella auf deinem Teller liegen fühlst du dich irgendwie glücklich und verstanden.

“Was war denn gestern mit dir los?“ fragt dein Mann ratlos – und du hast nicht die geringste Idee wie du ihm das nun erklären sollst …


Hintergrund der Geschichte:
Diese Geschichte hat in verschiedenen Foren und Gruppen viele Freunde gefunden – und man bat mich, sie zu veröffentlichen, damit man sie (unter Nennung der Autoren-Angabe) mit anderen teilen könne. Das tue ich hiermit von Herzen gern!

Die Frage wie man „normalen“ Menschen begreiflich machen kann, warum ausgerechnet zu Hause und bei den Menschen, die einem nahe stehen, Wutanfälle oder Zusammenbrüche oft nicht zu vermeiden sind, kommt in vielen Foren immer wieder vor. Sowohl Menschen mit Hochsensibilität, vor allem aber auch Autistinnen und Autisten und darüber hinaus Menschen mit kognitiven Einschränkungen leiden darunter die vielfältigen Informationen, Reize und Eindrücke unserer Zeit nicht gut filtern, richtig einordnen oder schnell verarbeiten zu können.

Sie profitieren oft von Vorhersehbarkeit, Struktur und Strategien mit denen sie die Vielfalt der Reize kontrollieren oder bewusst ausblenden können.

Viele Menschen können das nicht verstehen. Sie leiden im Alltag nicht an Reizüberflutung oder daran Mimik, Gestik und ungeschriebene Regeln der Umgebung nicht zu verstehen. Sie sind es gewohnt, dass ihr Gehirn jeden Tag die großartige Leistung vollbringt ungefährliche, unbedeutende und aktuell nicht relevante Eindrücke einfach auszublenden. Für sie ist es normal die Stimmengemurmel auszublenden, das Rascheln von Papier am Nebentisch zu ignorieren, das Gefühl des Luftzugs auf der Haut nicht bewusst wahrzunehmen, alltägliche Ereignisse auf der Strasse nicht zu registrieren. Wir „neurotypischen Menschen“ sind es gewohnt, dass unser Gehirn den Alltag für uns filtert und entscheidet was „relevant“ ist und was nicht. Und dadurch die Menge der Informationen, die unsere Sinne melden runterreduziert und so „handhabbar“ macht.

Doch auch „neurotypische“ und kognitiv „normalbegabte“ Menschen kennen Reizüberflutung. Situationen in denen das Gehirn eben nicht aus Erfahrung „vorsortiert“, was es überhaupt zur Kenntnis nimmt. Wenn Erfahrungswerte fehlen, dann geraten auch wir in die Überforderung: Am neuen Arbeitsplatz, in einer fremden Stadt oder einer nicht vertrauten Kultur. In diesen Situationen können wir vielleicht nicht verstehen – aber doch ein bisschen erahnen – wie es sein könnte, wenn tagtäglich zu viele Informationen und Reize auf einen einströmen.

Möge meine Geschichte dazu beitragen etwas mehr Verständnis für alle Menschen zu wecken, die mit Hochsensibilität, geistiger Behinderung oder im Autismusspektrum leben oder die aus anderen Gründen Mühe haben mit den vielfältigen Eindrücken in unserer Zeit und Gesellschaft zurecht zu kommen!

Und mögen die Betroffenen mir Unschärfen und Verallgemeinerungen verzeihen! Mir ist zutiefst bewusst, dass jeder Autist anders empfindet. Das Hochsensibilität sich für jeden Menschen anders anfühlt. Und dass manch Menschen eine Umarmung brauchen und andere Abstand.  

Ich möchte mit dieser Geschichte lediglich aufzeigen, dass jeder von uns – auch neurotypische Menschen – diese Momente von Überforderung aus Situationen kennt in denen zu viele unbekannte Reize auf einen einprasseln, die man nicht einordnen kann. In denen man sich in einer Kultur bewegt in der das Sozialverhalten, sowie Mimik und Gestik nicht vertraut und selbstverständlich zu deuten sind.

Vielleicht hilft diese Geschichte Eltern, Lehrern und Freunden von Menschen mit einem anderen Wahrnehmungsfilter oder einer a-typischen Wahrnehmungsverarbeitung ein bisschen zu verstehen, wie es sein könnte.

Mich würde sehr freuen, wenn diese Geschichte ein Beitrag zum „interkulturellen“ Verständnis sein könnte und etwas verständlicher macht, warum es für viele Menschen so verdammt anstrengend ist in einer Welt zu leben in der man von vielfältigen Reizen überflutet wird und in der man von Menschen umgeben ist deren Verhalten man nicht klar einschätzen und deren Mimik, Gestik und Worte man nicht spontan-intuitiv einordnen kann.

Und vielleicht erklärt es auch, warum wir alle in bestimmten Situationen nicht so „funktionieren“, wie wir das von uns selbst gewohnt sind …

Ich freu mich auf Euer Feedback ….
Eure
Marion Mahnke

Bild Hinweis: Vielen Dank an Uwe + Eric Schellhammer für die Bereitstellung der Bilder aus Tokio

5 thoughts on “Willkommen in Tokio!

  • 8. Mai 2021 um 18:25
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    Liebe Melanie,

    das freut mich sehr. Nutze die Geschichte gern um es anderen verständlicher zu machen.

    Liebe Grüße
    Marion

    Antwort
  • 8. Mai 2021 um 18:22
    Permalink

    Das stimmt allerdings Michaela. Die wenigsten Menschen können sich in die Lebenswelt anderer Welten einfühlen – und dann noch in Menschen, die anders wahrnehmen und empfinden – das ist oft einfach eine Herausforderung, der sich nicht jeder stellen kann oder will.

    Antwort
  • 8. Mai 2021 um 11:35
    Permalink

    Hallo Marion deine Geschichte ist super geschrieben… genau so sehe ich es auch . Und ich empfinde es auch so . Mein Sohn soll sich so entwickeln wie er es schafft und empfindet. Nur leider setze andere Leute einen unter Druck mit ihren tollen Ratschlägen und Tipps . Lg

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  • 12. März 2021 um 13:02
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    Liebe Marion, vielen Dank für das Teilen dieser Geschichte. Ich bin selber „hochsensibel“ und finde diese Geschichte mit dem Vergleich dahinter einfach nur toll. Ich glaube, so können andere besser verstehen, was in manchen Momenten passiert. Auch für meine Tochter behalte ich diese Geschichte definitiv im Hinterkopf.

    Antwort
    • 8. Mai 2021 um 18:25
      Permalink

      Liebe Melanie,

      das freut mich sehr. Nutze die Geschichte gern um es anderen verständlicher zu machen.

      Liebe Grüße
      Marion

      Antwort

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