„Schau doch mal zurück!“ Schatzsuche oder Wühlen im Müll? Wann ein Blick zurück tatsächlich hilft

„Schau doch mal zurück!“ Schatzsuche oder Wühlen im Müll? Wann ein Blick zurück tatsächlich hilft

Mein Garten, der Anhänger und Ich

Neulich war ich im Garten. Laub rechen, Büsche schneiden, alte Blumentöpfe entsorgen. Stundenlang war ich beschäftigt. Es wurde Abend und ich betrachtete mein Werk. Es war frustrierend: Immer noch jede Menge Gras in den Beeten. Unaufgeräumte Ecken. Laubreste auf dem Rasen.
Miesepetrig wandte ich mich vom letzten Beet ab. Den ganzen Tag gearbeitet und es hat doch nix gebracht! Alles doof! Frustriert schleppte ich den letzten Sack mit alten Blättern und Unkraut zum Anhänger. Das Ziel „Mein schöner Garten“ schien weiter entfernt denn je …

Ich wuchtete den Sack hoch – und da sah ich es: Der Hänger war voll mit Laub, Zweigen, Unkraut, Gartenabfällen. Das hatte ich geschafft? An diesem Nachmittag?? Manchmal ändert man seine Perspektive im Bruchteil eines Moments! Ich hatte höchst effektiv einen kompletten Anhänger mit Unrat gefüllt.

Zugegeben: Mein Beet sah nicht besser aus als 5 Minuten vorher – und dennoch änderte sich meine Stimmung schlagartig! Mein Projekt, das eben noch so aussichtslos erschien, kam mir plötzlich gar nicht mehr so groß vor.

Bringt Problemwälzerei wirklich was?

Seit meinem Studium bin ich sehr kritisch was das „Herumstochern-in-der-Vergangenheit“ angeht. Ich gebe gern zu, dass bei echten seelischen Krankheiten und psychischen Störungen dieser klassische Weg der Psychologie ein wichtiges Werkzeug ist – doch nützt er auch für alltäglichen Schwierigkeiten und die Bewältigung normaler Herausforderungen?

Hilft der Blick in die Vergangenheit seelisch gesunden Menschen bei der Entwicklung von Potentialen und der Verwirklichung aktueller Ziele?

Ob ihr es glaubt oder nicht: Heute bin ich davon überzeugt! Meine Abneigung gegen diese Perspektive lag im Absolutheitsanspruch, den die Psychologie jahrelang postulierte. Als wäre die Analyse von Problemen und die Suche nach Ursachen die alleinseeligmachende Sichtweise, die allen Menschen helfen könne.

Der Schlüssel zu allen Problemen im Hier und Heute liegt irgendwo in der Vergangenheit: Man muss nur lang genug graben, dann erfährt man, was damals falsch gelaufen ist und kann „sich“ oder „es“ ändern. Dies war jahrelang eine gängige Grundhaltung vieler Therapeuten und Berater. Und es kam mir irgendwie falsch vor.

Wie sollte das ewige Wiederauflebenlassen von problematischen Situationen, das Herumreiten auf Defiziten und das ewige Betrachten von Fehlschlägen Leute zu einem freien, selbstbewussten und aktiven Leben verhelfen? Ich fand das irgendwie nicht schlüssig.

Das ging offenbar nicht nur mir so, denn mit der Zeit kamen neue Ansätze auf. Man fragte nun nicht mehr „Was macht Menschen krank?“, sondern: „Was hält Menschen gesund?“. Die Resilienz wurde entdeckt – die seelische Widerstandskraft. Die Analyse von Problemen und Ereignissen der Vergangenheit wurde nicht mehr ins Zentrum des Interesses gestellt. Stattdessen richtete man den Blick auf Lösungen und Potentiale: Die Idee des Coachings war geboren! Und ich LIEBTE es!

„Morgen ist ein neuer Tag!“ – „Aber ich bin immer noch dieselbe wie gestern – oder?“

Die Grundhaltung dieser Positiven Psychologie war dabei gar nicht mal so neu: „Morgen ist ein neuer Tag“ ist seit jeher ein vielbemühter Rat lieber Freunde und besorgter Eltern. „Schau nach vorn!“ empfehlen wohlwollende Bekannte, wenn jemand nicht mehr weiter weiß. Leichter gesagt als getan! Gerade wenn man frustriert, ratlos und verunsichert ist.

Hatte die klassische Psychologie womöglich doch recht? Müssen wir erst alte Probleme aufarbeiten um frei zu werden „neu“ anzufangen? Oder soll man dem Rat des Volksmunds folgen und die Vergangenheit einfach ruhen lassen?

Womöglich haben beide Unrecht?! Wir sind Menschen mit einer Geschichte und mit Erfahrungen. Als Produkt unserer Vergangenheit können wir nicht einfach morgens aufstehen und „neu“ anfangen, denn wir tragen die Erinnerung mit uns.

Die Vergangenheit ist ein Teil von uns – wir können sie nicht einfach zurücklassen. Aber wir können wählen, WIE wir diese Vergangenheit sehen. Und da sind wir wieder bei meinem Beet! Sehe ich den Anhänger mit all dem was ich geschafft habe? Oder das Beet mit all seinem Unkraut, das ich noch nicht beseitigen konnte?

Mit dem problemorientierten Blick hätte ich vielleicht festgestellt, dass ich zu spät im Jahr angefangen hatte den Garten frühlingsfit zu machen. Dass ein Fehler darin lag, die Eichenblätter aus dem Herbst nicht schon damals zu entsorgen, sondern im Winter liegen zu lassen. Und so weiter. Und so fort. Wir alle kennen diese nörgelnde innere Stimme, die uns hinterher sagt, was man vorher hätte anders machen sollen …

Aber macht diese Stimme Lust auf eine weitere Gartensession? Sicher nicht.

Schatzsuche in der Vergangenheit!

Wer lösungsorientiert denkt, arbeitet „anders“ mit der Vergangenheit. Wir ignorieren sie nicht, denn sie gehört zum ganzen Menschen dazu. Stattdessen fragen wir, welche Dinge in der Vergangenheit gut gelaufen sind, statt den Focus auf Fehlversuche zu legen. Wir suchen nach kleinen Hinweisen für Erfolge: Wann sind die Dinge ein kleines bisschen besser gelaufen als zuvor? Und woran lag das? Welche Strategien haben sich schon früher bewährt? Und welche Herausforderungen hast du in deinem Leben schon erfolgreich bewältigt?

In der Vergangenheit zu graben kann sich anfühlen, als ob man einen Misthaufen umgräbt. Es kann aber auch eine spannende Suche nach dem Schatz der Potentiale und den Quellen eigener Kraft werden!

Mit dem richtigen Blickwinkel wird aus dem Wühlen im Müll der Vergangenheit eine Suche nach kostbaren Erinnerungen an kleine und große Erfolgsgeschichten. Und wir haben das Recht unsere Vergangenheit SO zu betrachten. WIR entscheiden, wie wir unsere Lebensgeschichte schreiben wollen – denn schließlich ist es doch unsere eigenen Vergangenheit und wir bestimmen welche Rolle unsere kleineren und größeren Erfolge darin einnehmen dürfen.

Ich zum Beispiel erinnere mich gern, an die Szene vor mehr als dreißig Jahren, als ich meine frischgestochenen Ohrringe vor einer Klassenkameradin verteidigte, die sie doof fand und hocherhobenen Hauptes aus diesem Streit hervorging. Oder daran, dass ich mit 12 Jahren bis zur Zugspitze hochgewandert bin. Völlig fertig zwar, aber ich hatte es geschafft! Oder an die kleinen und großen Kämpfe mit Ämtern und Behörden, die ich in den letzten Jahren gewonnen habe.

Erlebnisse und Erinnerungen, die mir Kraft geben. Wenn ich das alles schon geschafft habe – dann werde ich auch diesen 900m²-Garten irgendwie zum Blühen bringen! Meint ihr nicht auch?

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