Schattenkind? Nö!

Das erste, woran ich denke, wenn ich an Finja denke, ist, dass sie meine Schwester ist. Sie ist ganz normal für mich und ich behandle sie auch so. Aber ich muss zugeben, dass das nicht immer so war. Als ich klein war musste ich mich an diese Tatsache erst gewöhnen. Da waren diese Menschen auf der Straße, die dich immer so angestarrt haben. Das hat dir so ein unbehagliches Gefühl gegeben. Vor allem als sie größer wurde und sich dann mitten im Einkaufszentrum auf den Boden geworfen hat. Da fielen dir die Blicke erst recht auf. Aber jetzt ist mir das relativ egal geworden. Sollen die doch denken was sie wollen, sage ich mir inzwischen immer. Mir fallen die Blicke gar nicht mehr auf. Mein Motto: Sie ist anders, na und?? Wenn ihr ein Problem damit habt dann könnt ihr gleich wieder verschwinden!!

Deshalb hatte ich auch noch nie Probleme mit anderen Leuten. Alle die ich kenne finden das vollkommen in Ordnung oder sind so anständig und halten die Klappe!

Ich glaube, ohne Finja wäre ich jetzt anders. Ohne sie wäre ich nicht so schnell darauf gekommen, dass ich später mal irgendwo im Bereich der Erziehung oder ähnlichen Bereichen arbeiten möchte. Klar, irgendwann wäre ich sicher darauf gekommen aber durch Finja bin ich da schneller drauf gekommen.

Ich glaube ebenfalls, dass Finja der Hauptfaktor ist, warum ich heute so tolerant und sozial bin, was wiederum ein Faktor dafür ist, dass ich als Erzieher oder ähnliches arbeiten möchte.

Außerdem bewundere ich sehr, was meine Mutter als Karriere – Coach für behinderte Kinder und deren Eltern alles tut. Ich finde sie ist ein sehr gutes Vorbild: selbstbewusst, stark und sehr liebevoll. Sie schreibt Artikel und bloggt auch. In solchen Artikeln geht es sehr oft um Finja und manchmal auch um uns. Ich glaube dennoch nicht, dass ich deshalb in Finjas Schatten stehe. Ich finde das ganz gut so. Sie hilft damit vielen Frauen, die gerade ein behindertes Kind bekommen haben, den ersten Schock zu überwinden und ihnen klar zu machen, dass das gar nicht so schlimm ist wie es klingt. Es ist trotzdem dein Kind und die Behinderung ändert nichts daran, dass diesen Familien eine wundervolle Zukunft bevorsteht! Ich finde es großartig was sie tut und dabei habe ich überhaupt nicht das Gefühl, dass ich in Finjas Schatten stehe. Sie erwähnt uns oft in ihren Artikeln und erzählt von ihren beiden Kindern, die ihr so gut helfen.

Sie fragt uns immer, ob wir uns vernachlässigt fühlen und ob wir genug Aufmerksamkeit bekommen. Meine Antwortet lautet dann immer, dass ich mich überhaupt nicht vernachlässigt fühle.

Sie organisiert das alles prima: Finja hat ihre Zeit, ich habe meine Zeit und mein Bruder Jonathan hat seine Zeit. Aber auch mein Vater Achim kümmert sich sehr liebevoll um uns.

Aber natürlich spüre auch ich immer irgendwo im Alltag, dass das Leben mit Finja irgendwie anders ist als das Leben in Familien mit „normalen“ Kindern. Wir haben mehr Verantwortung als andere Kinder in unserem Alter und müssen im Alltag mehr mithelfen. Aber das finde ich nicht schlimm. Ich habe meine Schwester lieb und würde sie und mein Leben mit ihr um nichts in der Welt wieder hergeben!

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, ob Finja mit ihrer Zöliakie später einmal in der Lage sein wird, komplett allein zu leben. Deshalb glaube ich wäre eine Einrichtung gut, in der man sich um sie kümmert, wo sie soziale Kontakte knüpfen kann, wo sie betreut arbeiten kann und wo die Umgebung vertraut ist. Jonathan und ich würden die dann abwechselnd immer mal wieder besuchen kommen und an den Feiertagen oder Ferien würde sie dann zu Jonathan oder mir kommen.  Aber das ist nur eine der Möglichkeiten, wer weiß vielleicht wird sie ja doch später in der Lage sein allein zu wohnen, vielleicht will sie das ja sogar. Das kann man jetzt noch nicht sagen. Aber was ICH sagen kann ist, dass egal wo sie später leben wird, ob bei mir, bei Jonathan, in einer Einrichtung oder sogar allein, das wichtigste ist, das sie glücklich ist!!

Also: Erinnert euch an das Motto und lebt euer Leben, egal was die anderen von euch oder eurem behinderten Geschwisterkind halten!!

Miriam, die große Schwester

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