Entscheidungs-Inflation
Wie wir den Entscheidungs-Stress reduzieren können
Kaum ein Mensch vor uns musste so viele Entscheidungen für oder auch GEGEN mögliche -oft attraktive- Optionen treffen. Das geht schon beim vollen Kühlschrank los oder bei der Wahl aus 1000 Rezepten für Apfelkuchen, die uns heute das Internet ins Haus spült – wo es ehedem vielleicht 2 im Backbuch gab.
Wir können an jedem Wochenende zwischen -zig Veranstaltungen in unserer Stadt wählen. Unsere Kleider sind nicht mehr auf eine Alltags-Garnitur mit 2 Schürzen, 3 Paar Socken und einen Sonntagsstaat begrenzt . Dank Reiseführer und Apps fahren wir nicht mehr einfach in eine Region und fragen in der Touristen-Info nach einem Fremdenzimmer – sondern können im Vorfeld zwischen preiswerten, authentischen, luxuriösen, familienfreundlichen oder verkehrsgünstiger Unterkünften wählen.
Und damit drückt dann auch sie Last der Verantwortung für jede einzelne Entscheidung: Ist das Outfit fürs Date oder Bewerbungsgespräch wirklich perfekt? Der Urlaub optimal geplant? Berücksichtigt die Wochenendplanung alle Bedürfnisse?
Unser Gehirn war dafür nie gedacht. Jahrtausendelang mussten wir uns den Gegebenheiten anpassen und nur einige wesentliche Entscheidungen am Tag treffen: Jetzt Nachtlager aufschlagen oder später? Beeren am Wegesrand mitnehmen, sofort essen oder hängen lassen? Kartoffeln jetzt setzen oder erst in ein oder zwei Wochen? Feuer anmachen oder Holz sparen?
Manche Entscheidungen wurden den Menschen von den Umständen abgenommen, andere von der Gesellschaft und viele Optionen gab es schlichtweg gar nicht.
Versteht mich nicht falsch: Es ist großartig Optionen zu haben. Und gerade das Fehlen von Selbstwirksamkeit und (attraktiven) Optionen kann ein anderes Problem von Special-Needs-Parents sein. Aber: Jede einzelne kleine Entscheidung für oder gegen etwas kostet Kraft, Zeit, Energie.
Es gibt ein Experiment in dem eine Journalistin ihren Kleiderschrank komplett ausgetauscht hat. Alles weg. Nur schwarze Jeans, Shirts, Rollis durften bleiben. Und konnten perfekt untereinander kombiniert werden. Schwarze Jeans und Shirt zur Arbeit, schwarze Leggings und Funktionsshirt zum Sport, schwarzer Rock und Bluse zum Ausgehen. Fertig. Es soll den Mental Load enorm reduziert haben.
Auch das „Safe Food“, dass wir von vielen beeinträchtigten Kindern kennen, ist so eine Strategie um Entscheidungs-Energie zu sparen. Ebenso wie die Strategie mancher Menschen einfach das zu essen, was serviert wird.
Die Möglichkeit über alles entscheiden zu können und zu dürfen – vom Essen bis zum Beruf, von der Freizeitgestaltung bis zur körperlichen Bewegung, von der Wahl des Verkehrsmittels bis zur Serie am Abend- ist auch ein Entscheidungszwang geworden.
Wie wir Entscheidungs-Stress reduzieren können
Manchmal tut es gut die Möglichkeiten zu verknappen.
Zum Beispiel
- sich im Vorfeld eines Restaurant-Besuchs bereits auf die Art oder den Preis des Gerichts festzulegen
- Den Kleiderschrank auf die Teile reduzieren, die man wirklich gern trägt
- Veranstaltungen nur besuchen, wenn man Lust drauf hat
- Social-Media-Zeit planen und reduzieren (und so weniger Entscheidungen treffen müssen was man anschauen will und was nicht)
- Elternabende und Schulangelegenheiten mehrerer Kinder jeweils einem Elternteil zuordnen, dass diese prinzipiell wahrnimmt und im Blick behält
- Prinzipiell erstmal zu allen Anfragen “Nein” sagen und dann darüber nachdenken
- Einkaufsentscheidungen, die nicht sofort klar sind, vertagen – meist erledigt sich die Sache von selbst
- Die Anzahl der Medien / Kanäle /Apps / Abos auf einen Dienst reduzieren
- Immer dieselbe Serie schauen und erst am Ende der letzten Staffel eine neue beginnen
- Prinzipiell für alle Wege bis 4 km das Rad nehmen oder im Sommerhalbjahr das Auto prinzipiell nur für weite Fahrten zu nutzen
Der Wichtigste Tipp aber Ist: Der Morgen ist klüger als der Abend!
Schon unsere Großeltern wussten: Wichtige Entscheidungen sollten über Nacht reifen dürfen. Das Gehirn befasst sich in der Nacht ganz nebenbei damit und wägt auch un- und vorbewusste Informationen ab. Und: Am Morgen ist unser Gehirn noch nicht abgestumpft von den vielen Mini-Entscheidungen eines Tages. So kann es klarer sehen, was wirklich wichtig ist und wir treffen bessere Entscheidungen.
Also überlass die Entscheidung doch einfach öfter mal Deinem ICH von Morgen!
Wie geht es Euch mit der Vielzahl von Entscheidungen? Würdet ihr manchmal auch gern in einem kleinen Dorf leben? Mit einem lokalen Dorfkrug, einem Frühlings- und einem Herbstfest pro Jahr, einem Tante-Emma-Laden? Mit 3 Marmeladen-Sorten und der Wahl zwischen “Normal oder Mohn“? Mit einer Bibliothek aus der man 3 Bücher mitnehmen darf und Musik für die man keine Playlist anlegen muss weil sie aus dem Radio kommt?
Oder wäre das für Euch der absolute Horror der Fremdbestimmung? Welche Techniken verwendet ihr, um Entscheidungen zu reduzieren oder zu vereinfachen? Prinzipien? Zufall? Oder ganz andere?
Macht Dir selbst einmal Gedanken über Deine besten Strategien – und überlege, ob Du sie auch auf andere Bereiche übertragen kannst, um Energie zu sparen, schneller zu Entscheidungen zu kommen und mehr Zeit zum Genießen zu haben.
Und wenn Du magst: Schreib mir an feedback@nullmarion-mahnke.de was Du tust, um nicht von zu vielen Optionen überwältigt zu werden.
