Armbänder und Selbstwirksamkeit
Oder: Können nicht vorhandene Armbänder Fesseln sein?
Früher hatte ich keine spezielle Meinung zu Armbändern. Ich zog sie halt an – oder nicht. Je nach Outfit und Stimmung.
Dann kam Finja. Und ich begann sie zu hassen. Also – die Armbänder, nicht das Kind. Denn Finja fand meine Armbänder auch super und griff beherzt hinein. Dutzende hat sie mir verbogen, Hunderte von Perlen sind im Laufe der Jahre über Küchen-, Badezimmer- und Kinderzimmerboden geflogen. Kennt ihr das?
Unkontrollierte Kraft und wenig Verständnis für den Umstand, dass Dinge kaputt gehen, wenn man nicht achtsam ist, gehören halt zum Behinderungsbild meiner Tochter. Irgendwann begann ich also Armbänder zu hassen und aus meinem Umkreis zu verbannen.
Aber eigentlich war es nicht das Armband, dass meinen Unmut erregte. Das konnte ja nix dafür. Es war einfach zu einem Symbol für meine Unfreiheit geworden. Die Behinderung meiner Tochter griff in meinen persönlichen Lebensbereich, meinen Selbstausdruck, meine Recht mich so zu kleiden, wie ich will, ein.
Je mehr die Bedürfnisse meiner Tochter sich von denen eines Regelkindes unterschieden, desto “vernünftiger” und schlichter wurden meine Klamotten. Ohrringe waren Tabu, Halsketten bekamen ein preiswertes Lederband, Blusen blieben im Schrank.
Ich war zur Pflegeperson mutiert – aber ohne Feierabend. Und Armbänder und Ketten waren das Symbol dieses ungewollten, aber notwendigen Zweit-Berufes. Und der verhassten Fremdbestimmung. Nichtmal mehr anziehen konnte ich mich, wie ich wollte!
Aber dann habe ich meine Perspektive verändert. Ich kramte meine Armbänder wieder hervor, kaufte neue Ketten und begann diese bewusst anzuziehen, wenn ich “frei” hatte. Sobald das Kind in der Schule war oder der Babysitter eingecheckt hatte, habe ich mich “ausgecheckt”, die Verantwortung und Zuständigkeit abgelegt und meine Armbänder und Ketten angezogen.
So veränderten sie langsam ihre Bedeutung. Vom Symbol der Fremdbestimmung wurden sie zu meinem Übergang in den Feierabend. Also – Pflege-und-Betreuungs-Feierabend. Der konnte manchmal schon um 8.10 Uhr beginnen, sobald meine Tochter im Bus zur Schule saß.
Dann wechselte ich bewusst vom vernünftigen Pflege-Outfit zur Business-Bluse. Mittags legte ich dann die Armbänder bewusst beiseite, bis Finja ins Bett musste – oder eine VHP-Kraft die Betreuung übernommen hat.
Tatsächlich hat sich das zu einer Gewohnheit entwickelt, die mir hilft, schneller umzuschalten. Armbänder am Handgelenk sagen mir heute: “Jetzt bin ich dran!”. Und so gelingt mir das “auschecken” leichter und ich wechsle einfacher in den Me-Time-Modus.
Heute sind Armbänder und Ketten für mich ein Symbol für die Momente der Selbstbestimmung und meine eigene Identität, die ich mir trotz turbulentem Pflegealltag nehme.
Ich wechsle bewusst vom “Altes-T-Shirt-Look” der pflegenden Mama auf mein schickes Vortrags-Outfit, meine coole Yoga-Klamotten oder einfach meinen Das-bin-Ich-Stil im Alltag ohne Kind. Und ziehe das passende Armband an.
Und dann spüre ich wieder, dass ich nicht nur Pflegeperson und Mutter bin – sondern irgendwo da drin immer noch ICH.
Wie geht es Euch? Habt ihr auch solche Rituale? Oder hasst ihr Ketten und Armbänder ebenso wie ich früher? Schreibt mir an feedback@nullmarion-mahnke.de
